From "Orf", 20 March 2000


Im Paradies des Anti-Copyrights


Von Simon Hadler

Olia Lialina bietet in ihrer online-Galerie art.teleportacia Netzkunstwerke zum Verkauf an. Das trug ihr seit Start des Projektes im Sommer 1998 heftige Kritik aus der net.art-Szene ein. In der Mailinglist nettime wurden in Folge wichtige Fragen wie die des Copyrights von Netzkunstwerken oder die prinzipielle Idee eines Verkaufs von Online-Kunst aufgeworfen und teils äußerst polemisch diskutiert.

Aus Ignoranz für Copyright?

Für die Netzkunstaktivisten 0100101110101101.ORG sind Lialinas Aktivitäten pure Ignoranz gegenüber den eigentlichen Stärken des Internet. Sie halten die Fragestellung "Wie kann man net.art verkaufen?" für eine verschämte Umformulierung des eigentlichen Anliegens, nämlich Netzkunst auf den Status traditioneller Kunst "regredieren" lassen zu wollen.

Die Durchsetzung des Copyrights von Netzkunstwerken als logische Voraussetzung für den Verkauf sei, so 0100101110101101.ORG, das Ende der Hoffnungen früher Netzkünstler: "Innerhalb von zwei Jahren wird es net.art in allen Museen und kunsthisorischen Handbüchern geben. Die Namen der 'Protagonisten der heroischen Periode' (Anm.: Anspielung auf Lialinas Ausstellung 'miniatures of the heroic period') werden bekannt sein, Einflüsse, Generationen und so weiter werden festgeschrieben sein. Mit einem Wort: die ganze gleiche Scheiße, die wir jedes Mal gefressen haben."

"Reale Welt statt Konfusion und Austausch"

Und schließlich gab es gerade im Netz die Utopie, alles würde besser und anders werden. 0100101110101101.ORG weiter: "Das Web ist das Paradies des Anti-Copyrights, des Plagiats, der Konfusion und des Austausches. Warum zur Hölle müssen manche Leute um jeden Preis eine Kopie der realen Welt schaffen?"

Olia Lialina hält dem entgegen, dass das Netz ganz einfach analog zur realen Welt existiere und außerdem ohnehin ein Teil dieser Welt sei. Es ist ihr nicht daran gelegen, irgendein Konzept zu verteidigen, sondern sie stelle sich ganz einfach der Realität einer Welt, in der wir nun einmal alle leben - online oder offline.

Die Genialität mit dem Kunstwerk kaufen

Ein anderer Diskutant, snafu, geht sogar noch einen Schritt weiter als 0100101110101101.ORG und meint, nicht erst das Copyright, sondern bereits das ihm zu Grunde liegende Konzept des Originals widerspreche dem Wesen des Internet. Schließlich sei Originalität die Basis, "auf der es während der letzten 200 Jahre möglich war, Kunstwerke aus ihrem Herkunftskontext zu stehlen und herauszulösen, um sie in westliche Museen und Galerien zu verschleppen. Die Genialität des Künstlers war immer da, gefangen im Kunstwerk. Du kaufst das Kunstwerk und bekommst ein Stück Genialität."

snafu gibt sich schließlich versöhnlich: "Es ist zwar nichts falsch daran, wenn man für Netzkunst Geld verlangt, aber es ist auch nicht gerade das Gelbe vom Ei, Kunst für Geld zu schaffen." Lialinas Anwort: "Ist es doch. :)"