From Rebel:Art Magazine, 1 April 2004

 

How to provoke today?
Alain Bieber interviews 0100101110101101.ORG on Nike Ground

 

Was für Sneakers trägst Du?

Ich könnte sogar Nikes tragen. Erwarte keine logischen Zusammenhänge von mir, niemals. Menschen denken Künstler wären ehrliche und unkorrupte Leute, ohne Kompromissfähigkeit, und Künstler geben ihr Bestes um diesen romantischen Mythos zu bewahren. Die Realität sieht ganz anders aus. Ich fühle mich durch etwas stark angezogen und ebenso kann ich es auch ablehnen. Wir leben in dieser Welt und dieses Projekt "Nike Ground" gehört zu dieser Zeit.

Ich kenne die aktuellen Reaktionen von Nike nicht aber ich glaube, sie wollten rechtliche Schritte einleiten. Was ist der Stand der Dinge und habt Ihr solche Reaktionen erwartet? Vielleicht ist Nike eifersüchtig, weil sie nicht diese Marketing Idee hatten

Am 14. Oktober 2003 veröffentlichte Nike eine 20seitige gerichtliche Verfügung, die das sofortige Entfernen aller Copyright geschützten Materialien und die Einstellung aller auf Nike bezogenen Aktivitäten forderte. Das Unterlassen dieser Forderung hätte bedeutet, dass Nike uns auf 78.000 Euro Schadensersatz verklagt. Wir beachteten das Ultimatum trotzdem nicht und führten die Performance bis Ende Oktober fort, so wie es auch von Beginn an geplant war. Der Handelgerichtshof lehnte dann Nikes Klage aus formalen Aspekten ab. Die erste Runde haben wir gewonnen, jetzt sind wir bereit die zweite Runde zu beginnen. Eine solche Reaktion habe ich nicht erwartet, ich dachte wir haben es hier mit sportlichen Leuten zu tun, die den Wettkampf lieben, nicht mit einem Haufen langweiliger Anwälte! Wo ist der Sportsgeist von Nike?"

Warum habt Ihr Nike ausgewählt? Nike tut mir wirklich nicht Leid, aber irgendwie ist immer Nike der Buhmann für die gesamte globale Industrie (z.B. die Sweatshop-Kampagnen in den USA) und ich glaube nicht, dass Adidas, Gap etc. sozialer agieren...

Wir hätten irgendeine andere Marke benutzen können, wir haben nur die Sichtbarste gewählt. Nike ist das ideale Objekt für ein Kunstwerk: der Swoosh, ist wahrscheinlich das "meistgesehene" Markenlogo der Welt, mehr als jedes politische oder religiöse Symbol.

Mit "Nike Ground" habt ihr für die "künstlerische Freiheit" gekämpft: Gibt es wirklich keine Grenzen?

Kunst ist genau dieses Grenzgebiet. Grenzen sind nie dort, wo du sie vermutest. Ich glaube, dass in der zeitgenössischen Kunst Objekte, die normalerweise als "provokativ" angesehen werden, genau das Gegenteil sind, nämlich extrem konservativ (z.B. nackte Körper, Genitalien oder Leichen). Nike ist genau das Gegenteil: Banal, gewöhnlich, alltäglich, wirklich nichts Extremes oder "Grenzenloses."

Viele Aktivisten wollten nie als Künstler bezeichnet werden. Nach ihrer Argumentation besitzt der Künstler Narrenfreiheit - am Ende landet das Kunstwerk im Museum mit hunderten Besuchern, gegen die man immer gekämpft hat. Seid ihr Künstler oder Aktivisten und benutzt ihr den Deckmantel der Kunst für Eure Aktionen?

Wir sind weder Künstler, noch Aktivisten: Wir sind Beobachter. Wir inszenieren paradoxe Situationen und dann lehnen wir uns gemütlich zurück und beobachten die Konsequenzen. Ein nicht-existierender serbischer Künstler, ein virtueller Coup auf den Vatikan, ein Computervirus als Kunstwerk, eine ungewollte Werbekampagne. Solche Geschichten gehen durch die Presse, werden auf der Strasse, im Internet, im Fernsehen verbreitet, man kennt sie von seinem Nachbarn. Sie verbreiten sich durch jedes Medium und werden zu modernen Mythen. Und am Ende landen sie auch im Museum und dass ist ja auch kein Problem, das eine schließt das andere nicht aus.

Projekte wie "Nike Ground" sind teuer. Wie finanziert Ihr Eure Projekte?

In diesem Fall wurde das gesamte Projekt von Public Netbase finanziert, einer Institution für Netzkultur in Wien. Manchmal werden unsere Projekte auch von Museen gefördert, wie z.B. dem Walker Art Center oder durch Organisationen wie z.B. der Manifesta. Neben Aufträgen verkaufen wir auch Arbeiten an den Kunstmarkt: Gerade jetzt verkaufen wir eine Kopie unseres "Biennale.py" Virus an einen privaten Sammler. Die Erlöse werden in neue Aktionen investiert. Wer unsere Kunstwerke kauft, unterstützt unsere Aktivitäten.

Kann Eure Arbeit die Politik oder soziales Verhalten beeinflussen?

Ist mir egal. Meine einzige Verantwortung ist unverantwortlich zu sein.

Könnt Ihr uns einen Hinweis geben: Was werden Eure Projekte im Jahr 2004 sein?

Wir offenbaren nie, an welchen Projekten wir gerade arbeiten. Viele unsere Aktionen brauchen den Überraschungseffekt, darum werden sie heimlich organisiert, manchmal auch aus Legalitätsgründen. Wenn Nike oder die Stadt Wien gewusst hätten, was wir planen, hätten sie uns gestoppt. Aber macht Euch keine Sorgen, immer wenn ein Projekt zu Ende geht, ist die Falle schon woanders gelegt.