From "Telepolis", 6 June 2001


Leben ist Software


by Konrad Lischka

Die Netzkunst-Gruppe 0100101110101101.org thematisiert mit Life-Sharing die jüngste Agenda der "New Economy"

David Cronenberg hat es geahnt. In seinem Film "Crash" versuchten Menschen, ihre Körper bei ungeheuer erotischen Autounfällen mit denen ihrer Wagen zu verschmelzen, um eine neue ästhetische Daseinsform jenseits der Gegensätze von Natur, Kunst und Technologie zu schaffen. In "eXistenZ" wurde Cronenberg konkreter: Menschen statten ihre Körper mit künstlichen Öffnungen aus, um über diese Schnittstellen Computerspiele zu erleben ( Die Menschen sind restlos verwirrt, aber sie amüsieren sich prächtig [0]). Der Mensch wird technisiert, während Computer aus künstlichem Fleisch gefertigt werden. Nur ein Aspekt dessen, was Cronenberg seit einem halben Jahrzehnt zeigt, wird seit kurzem als genetische Selbstzüchtung diskutiert. Und wieder ist es Kunst, welche neue Perspektiven öffnet.

Die italienische Künstlergruppe 0100101110101101.org [1] stellt ihr Netzkunst-Projekt "Life-Sharing" mit in Cronenbergs Tradition: "Je mehr jemand mit einem Computer arbeitet, desto ähnlicher wird der Rechner seinem Gehirn." ( Digitales Selbstportrait [2]

"Now you are in my computer" begrüßt das Kunstwerk den Betrachter. Aber was bezeichnet "my"? Der Betrachter sieht zunächst nur einen Verzeichnisbaum mit den Ordnern "tmp/" "boot/", "etc/", wie man ihn von fast jedem Computersystem kennt. Doch wer einige Monate mit seinem Computer verbracht hat, weiß, wie leicht in der Datenstruktur Stücke der eigenen Persönlichkeit zu entdecken sind: Musik, archivierte Texte, Buchbestellungen, private Post, Termine, Protokolle, Notizen, begonnene Projekte, Fotos. So ist es auch bei "Life-Sharing", denn hier greift der Surfer direkt auf die Computer-Festplatte des Künstlerpaares irgendwo in Bologna zu. Und so löst er das Versprechen des "my" selbst ein. Er stöbert in Ordnern wie "Lost + Found", liest die Emails des Paares der vergangenen zweieinhalb Jahre, findet dabei vielleicht heraus, dass "Life-Sharing" vom angesehenen "Walker Art Center" in Minneapolis gefördert wird, oder erfährt mehr über die Beteiligung von 0100101110101101.org an der Biennale in Venedig.

Man darf "Life-Sharing" jedoch nicht mit dem Exhibitionismus der Webcams verwechseln, über die Menschen sich Tag und Nacht beobachten lassen. Hier wird ja der scheinbar dokumentarische Charakter des Bildes benutzt, um an die Stelle vieler Wahrheiten eine einzige zu setzten, die natürlich ebenso fiktiv ist - als ob ein Reiz auf jeden Betrachter in genau derselben Art wirken würde. Von den Machern von 0100101110101101.org existieren hingegen keine Fotografien, auch ihre Namen sind nur mit Mühe zu finden. Selbst nennen sie sich gern "Zero" und "One" oder "Renato Pasopiani" und "Tania Copechi". Es geht nicht um Bilder bei "Life-Sharing", sondern um das ureigene Thema von Netzkunst: die Ästhetik von Daten. Und letztlich: den Menschen als Datenstrom.

Die Anmut von Daten zeigen die fallenden, eilenden, kreisenden Zahlenreihen in Filmen wie "Matrix" und "Pi" ebenso wie das gedruckte Genom. "Life-Sharing" hinterlegt die Oberflächen der Verzeichnisstruktur mit immer neuen Textschnipseln aus Emails, Protokollreihen des Betriebsystems "Linux" oder einfach Hyperlinks, die zu streng begrenzten Kolumnen angehäuft werden wie der Hexcode eines Computerprogramms. Diese Daten-, oder altmodisch gesagt, diese Computerästhetik ist das Gegenteil von der Präzision, Kühle, Glätte und Ordnung, die man aus der Musik und den Videos von "Kraftwerk" kennt, die sogar heute noch mit den Begriffen Daten und Computer verbunden werden. "Life-Sharing" wirkt hingegen organisch, die Daten sind so körperlich, so lebendig wie jene aus allerlei ekeligen Tierkörpern zusammengenähten, zuckenden und quiekenden Computer in "eXistenZ".

Um die Bedeutung dieses ästhetischen Statements zu erfassen, muss man die vorangegangenen Projekte von 0100101110101101.org kennen. 1999 kopierte die Gruppe die gesamten Inhalte der allein einem elitären Publikum zugänglichen Netzkunstgalerie Hell.com und stellte sie der Öffentlichkeit auf dem eigenen Server zur Verfügung. Das gleiche taten sie mit der Galerie "Art.Teleportacia". Später veröffentlichte 0100101110101101.org Remixe aus den Daten anderer Netzkunst-Seiten. Die eigene Praxis kommentierten sie damals so: "Das Anfertigen von Klons ist nur eine der Möglichkeiten, die man mit diesen Dingen tun kann. Man kann sie modifizieren, etwas hinzufügen oder ihren Aufbau verändern, man kann sie sogar kaputt machen, man kann mit ihnen einfach tun, was man will."

Der Begriff des Klons fällt hier nicht zufällig. Den über die Generationen unzähligen kreativen Kopien seines Erbguts verdankt der Mensch ja seine Entwicklung. Leicht fehlerhafte Kopien schaffen Mutationen, und erst dadurch wird Fortschritt möglich. Das Kopieren als kreative Aneignung, Bemächtigung und Entwicklung vollzogen 0100101110101101.org zum Beispiel bei der Seite jodi.org: Ihr Remix stellte einen eigentlich versteckten Index an den Anfang, so dass Betrachter der Kunstwerks ganz neue Zugriffsmöglichkeiten hatten. Kreatives Kopieren und ungehemmte Bemächtigung sind der Weg. Die Voraussetzung und das Ziel präsentieren 0100101110101101.org bei "Life-Sharing". Die Künstler wollen das Projekt unter die sogenannte "Gnu Public Licence" (GPL) stellen. Diese wurde vom amerikanischen Hacker Richard Stallman für freie Software wie das Betriebsystem Linux entwickelt. Kern der GPL ist, dass jeder Mensch das Programm kopieren, verteilen und weiterentwickeln darf. Dem System Linux bescherte die GPL eine sehr große Zahl von freiwilligen Entwicklern, die durch kreatives Kopieren das Programm verbessern. So weit verbesserten, dass Linux eine ernsthafte Konkurrenz zu Systemen ist, die nach dem herkömmlichen Modell der größtmöglichen Kontrolle über die freigegebenen Daten gefertigt wurden.

"Life-Sharing" nun stellt eine beachtenswerte Verbindung zwischen der technischen Sphäre der GPL und dem Leben her. 0100101110101101.org machen den Datenstrom ihres Lebens nicht nur für jedermann zugänglich, sondern auch kopier- und modifizierbar. Cronenberg hat gezeigt, wie organisch Technologie ist. 0100101110101101.org zeigen, wie organisch Daten sind. Die implizierte Schlussfolgerung ist offensichtlich: Warum nicht das extrem erfolgreiche Modell des Umgangs mit Daten bei der GPL auf den Menschen übertragen? Warum sollte ein unkontrollierter, unbeschränkter Zugriff auf den Lebenscode nicht zu einer ähnlich erfolgreichen Entwicklung wie Linux führen?

Die Verbindung zwischen Software und Leben ist in letzter Zeit häufig gezogen worden, gerade in Kreisen der libertären Technologieeliten der "New Economy". Schon seit langem wird auf den Seiten von kuro5hin.org [3] - ein hippes Online-Magazin im Stil von slashdot.org - ein ebenso einfacher wie bestechender Gedankengang diskutiert: Der menschliche Körper ist eine Maschine, Hardware gewissermaßen. Der Mensch hat Bewusstsein, im übertragenen Sinn Software. Deshalb kann eine Maschine bewusstes Leben beherbergen.

Solche Diskussionen sind Ausdruck einer seit längerem zu beobachtenden Entwicklung: Viele Unternehmen der Bio- und Gentechnologie bieten ihren Investoren Start-Up-Geschichten wie vor einem halben Jahrzehnt noch die Unternehmen Yahoo! oder Amazon.com. Schaut man sich die Börsenkurse an, ist das Leben heute so sexy wie einst das Internet. Das Magazin "Wired" nahm jüngst in seinen Index der 40 Unternehmen, welche am besten die "New Economy" repräsentieren sollen, fünf Firmen aus dem Bio- und Gentechnologiebereich auf.

0100101110101101.org zeigen mit "Life-Sharing": Eine ernsthafte Auseinandersetzung mit der kalifornischen Ideologie des Silicon Valley ist dringender nötig denn je.


Links

[0] http://www.heise.de/tp/deutsch/inhalt/kino/5472/1.html
[1] HTTP://WWW.0100101110101101.ORG
[2] http://www.heise.de/tp/deutsch/inhalt/sa/7673/1.html
[3] http://kuro5hin.org